20.12.2020

Die Herausforderung eines harmonischen Bildaufbaus

Als ich in der Landschaftsfotografie noch Anfänger war, dachte ich: Man braucht nur einen schönen Ort und dann noch eine schöne Stimmung dazu, und schon kann man schöne Bilder machen.

Ein naheliegender Gedanke, zugegeben. Und auch nach mehr als einem Jahrzehnt falle ich noch manchmal darauf herein. Aber so einfach ist es leider nicht immer. Im vergangenen Herbst durfte ich diese Erfahrung erneut machen ‐ an einem Ort, der immerhin noch als Musterbeispiel für das Problem herhalten kann, ein Landschaftsbild stimmig zu gestalten.

Ich war zuvor noch nie an dem Ort gewesen, aber wusste, dass es sich um eine exponierte Kuppe handelt, von der man eine gute Sicht auf die Alpen hat. Dazu eine Inversionswetterlage mit Nebelmeer bei Sonnenaufgang ‐ was konnte da noch schiefgehen?

Dazu möchte ich als erstes eine weitwinklige Übersichts-Aufnahme zeigen, auf der man sieht, wie der Aussichtspunkt selbst aussieht und welche Aussicht man von dort hat.



Schöner Ort und schöne Stimmung. Perfekt geeignet, um sich auf eine Bank zu setzen und die Aussicht zu genießen.

Schwierig wird es allerdings, wenn man versucht, diese Stimmung fotografisch festzuhalten ‐ und zwar so, dass auf den Bildern die Schönheit der Aussicht und der Stimmung unbeeinträchtigt zur Geltung kommt. Wie wählt man da den Bildausschnitt? Wie weit zoomt man heran, wo macht man den unteren Schnitt?

Mein erster Gedanke war: Diese rötliche niedrige Vegetation (auf dem Bild oben etwa in der Mitte) eignet sich als Vordergrund. Das hat allerdings nicht funktioniert, weil diese Vordergrund von höherem Gestrüpp durchzogen war, das immer einen Teil der Aussicht verdeckte, egal wo ich mich positionierte. Also musste es ein kleinerer Bildausschnitt sein. Dazu nehmen wir der Einfachheit halber die Übersichts-Aufnahme und probieren mal ein paar Ausschnitte aus.

Fünf Versuche eines Bildaufbaus

Versuch 1:



Hm. Nein. Das überzeugt mich nicht. Eigentlich will ich den Nebel und die Alpensicht zeigen, aber diese Elemente nehmen viel zu wenig Raum im Bild ein. Mehr als die Hälfte des Bildes besteht aus dunklen Bäumen und einer mit Gebüsch bewachsenen Spätherbstwiese. Alles ziemlich unaufgeräumt, und die dunklen Bäume und Büsche sind sehr dominant, vor allem der kahle Busch links unten. Das geht so nicht.

Versuch 2:



Ein bisschen näher herangezoomt. Das rötliche Zeug ganz unten und die Bäume und Büsche links habe ich diesmal weggelassen. Aber diese Variante funktioniert auch nicht. Egal wo ich den unteren Schnitt setze: ich schneide immer irgendwelche von diesen kleinen Büschen waagrecht mitten durch. Diese untere Wiese muss auch weg, ich muss den Schnitt noch weiter oben setzen.

Versuch 3:



Es könnte so schön harmonisch sein, wenn nicht diese dunklen Baumspitzen von unten ins Bild ragen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden. Vielleicht geht es ja besser, wenn ich doch ein bisschen weiter unten schneide und die Bäume mehr ins Bild einbaue, damit sie nicht mehr wie Fremdkörper wirken?

Versuch 4:



Mist. Jetzt habe ich links unten wieder ein Stück von der blöden Wiese drauf, das den Blick auf sich zieht, und die Bäume sind immer noch Fremdkörper. Es hilft alles nichts, die Bäume unten müssen auch noch raus aus dem Bild.

Versuch 5:



Jetzt sind die Spitzen einzelner Bäume immer noch im Bild. Aber noch weiter oben kann ich den unteren Rand nicht ansetzen, sonst ist der Schnitt zu knapp und man sieht kaum noch was von dem schönen nebligen Tal. Und noch dazu würde ich diese eine kleine Baumgruppe wieder waagrecht durchschneiden.

Und so ...

... habe ich schließlich aufgegeben, ein Bild machen zu wollen, dass irgendwelche charakteristischen Merkmale dieser Aussicht darstellt, und habe stattdessen mit dem Teleobjektiv einen Ausschnitt von weiter rechts herangeholt, der von irgendeinem beliebigen Schwarzwälder Aussichtspunkt stammen könnte und für den ich keine so weite Strecke hätte fahren müssen.

Alpenblick bei Ibach

Relativ schön ist nicht genug

Bestimmt verstehen manche jetzt nicht so richtig, was mich an den verschiedenen Bildausschnitten jeweils gestört hat. Die sind doch auch alle schön. ‐ Nun, das ist relativ. Man findet es ja auch schön, wenn das Enkelkind "Für Elise" klimpern kann ‐ laut und mit falschen Tönen, aber doch besser, als man es selbst könnte, wenn man nie Klavierspielen gelernt hat. Ein ambitionierter Hobbypianist oder gar Profi wäre dagegen nicht zufrieden damit, das Stück so zu spielen.

Und so geht es auch uns ambitionierten Hobby- oder Profifotografen mit unseren Landschaftsbildern. Dass diese oft so makellos wirken, das liegt nicht in erster Linie daran, dass wir sie selbst bearbeiten, anstatt sie von der Kameraautomatik verhunzen zu lassen ‐ auch wenn uns oft vorgeworfen wird, dass unsere Bilder durch Nachbearbeitung geschönt wären. Nein, es liegt vor allem daran, welche Ansprüche wir selbst an unsere Aufnahmen stellen, schon bevor wir den Auslöser drücken. In der Bearbeitung das letzte bisschen Perfektion aus einem Bild herauszukitzeln, das geht nur, wenn die Rohdaten das auch zulassen, also wenn während der Aufnahme schon alles gestimmt hat. An manchen schönen Orten ist es ganz schwierig, tatsächlich ein (nicht nur relativ) schönes Bild zu machen.

Das gilt auch umgekehrt ...

Die andere Seite möchte ich zum Schluss auch nicht unerwähnt lassen. Schaut euch mal das folgende Bild an, ist das nicht ein wunderschöner Ort?

Moorlandschaft bei Titisee

Ja, es ist einfach herrlich dort direkt an der B31, der lärmenden, extrem stark befahrenen Hauptverkehrsachse des Südschwarzwaldes.



Fotos zeigen eben nie die ganze Realität, sondern immer nur einen kleinen Ausschnitt davon. Und über diesen kann man bereits vor dem Drücken des Auslösers mehr "Manipulation" betreiben, als über herkömmliche Bildbearbeitung jemals möglich wäre. (Anmerkung: Fotomontagen zählen nicht unter herkömmliche Bildbearbeitung, aber dazu mehr in einem anderen Artikel.)


Schreibe einen Kommentar


Neue Beiträge

Neue Kommentare

Archiv nach Monaten

Kategorien

Abonnieren

© 2021 Fotografie Michael Arndt
Impressum / Kontakt
FacebookTwitteralfoco