28.10.2020

Wie sieht ein unbearbeitetes Bild aus?

Es soll ja immer noch Leute geben, die die Nachbearbeitung von Fotos strikt ablehnen, da nur das "unbearbeitete" Bild die Aufnahmesituation authentisch wiedergäbe. Falls du ebenfalls dieser Ansicht sein solltest, habe ich einen kleinen Test vorbereitet. Hier sind drei Bilder mit gleichem Bildausschnitt zu sehen. Welches davon ist das unbearbeitete Original?







Hast du dich für ein Bild entschieden?

Hier ist die Auflösung:

  • Bild 1 ist mit dem Handy aufgenommen. Standardeinstellungen, keine weitere Bearbeitung.
  • Bild 2 ist mit der Systemkamera im JPG-Format aufgenommen. Ebenfalls mit Standardeinstellungen.
  • Bild 3 ist dasselbe Bild wie Bild 2, aber im RAW-Format aufgenommen und mit den Standardeinstellungen von Lightroom entwickelt.
Welches davon zeigt nun die unverfälschte Realität?

Das Handy-Foto hat kühlere Farben und mehr Kontrast als das Systemkamera-Foto. Die beiden anderen Bilder basieren jeweils auf exakt denselben Bilddaten, aber Lightroom und die interne Software der Kamera machen daraus zwei ziemlich unterschiedliche "unbearbeitete" Bilder. Auf dem Handy-Foto gibt es nebenbei einen Bereich am Himmel, der völlig weiß ist (RGB 255/255/255), d. h. heller geht es nicht. Direkt in die Sonne zu fotografieren würde dieselben Farbwerte liefern.

Die Fotos zeigen übrigens die Aussicht aus meinem Fenster. Ja, die ist sehr schön, und ich genieße sie jeden Tag, aber darum geht es gerade nicht. Direkt am Fenster steht der Monitor, den ich zur Bildbearbeitung nutze. Anmerkung dazu: Der Monitor ist kalibriert. Viele Monitore sind ab Werk zu hell eingestellt, das ist bei diesem nicht mehr der Fall. Und so konnte ich das Bild so bearbeiten, dass das, was auf dem Monitor zu sehen ist, möglichst genau gleich aussieht wie das, was ich dahinter durch das Fenster sehe. Also die realistischste Bearbeitung, die überhaupt möglich ist.

Das Ergebnis:



Vor allem bei der Helligkeit ein deutlicher Unterschied zur Lightroom-Standardeinstellung. Das heißt: Ich musste das Bild relativ stark bearbeiten, damit es möglichst real aussieht.

Und dann habe ich noch einen kleinen Test gemacht: Was ist, wenn ich mit derselben Kamera den Monitor fotografiere, der gerade dieses Bild anzeigt? Sieht das dann genau gleich aus?

Nur eine rhetorische Frage. Natürlich ist das Ergebnis wieder ein ganz anderes.



Und wie sieht nun ein wirklich unbearbeitetes Digitalfoto aus?

So:



Das ist ein winziger Ausschnitt aus den Informationen, die der Sensor registriert hat, in einem komprimierten Dateiformat. Wirklich "unbearbeitete" Bilder kann man überhaupt nicht anschauen. Es braucht eine Software, um die Daten zu interpretieren. Eine solche ist in jede Digitalkamera integriert. Jede Kamera hat eine andere.

Und wie die Beispiele oben zeigen, sind diese in der Regel nicht in der Lage, ein wirklich realistisches Bild zu erzeugen. Wer ein wirklich authentisches Bild will, muss selbst Hand anlegen. Und das braucht Übung und Erfahrung.

Kurz gesagt: Ein Bild totbearbeiten kann jeder, eine Stimmung zum Leben zu erwecken ist wesentlich schwieriger. Dazu braucht es einen Menschen, eine Kameraautomatik kann das nicht. Und die Wahl der Aufnahmeposition und des Bildausschnitts kann sie einem ebenfalls nicht abnehmen, aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.


Kommentare

Marika
25.11.2020, 06:23

Danke für diesen tollen Blog. War sehr interessant zu lesen.


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