2 Milliarden – Glückwunsch, Facebook! (Oder: Das Konzept „Social Network“ ist tot.)

Kürzlich bekam ich wieder mal eine dieser Benachrichtigungen, dass Facebook ein auf mich zugeschnittenes Video erstellt hat. Vermutlich hat die jeder bekommen. Aber meine Kontakte scheinen immerhin vernünftig genug zu sein, ihr jeweiliges Video nicht zu teilen. (Es besteht doch noch Hoffnung für die Menschheit.)

Das Video sagte mir, dass ich jetzt einer von 2 Milliarden Nutzern bin. Ich weiß nicht, wie diese Zahl zustande kommt. Vielleicht über die erfolgreiche Expansion in Länder, wo der Anblick einer Steinigung Alltag ist, aber weibliche Nippel Schockzustände auslösen? Oder sind es eher die Fake-Nutten-Profile, die mich mit Freundschaftsanfragen zuspammen und trotz Meldungen nicht gelöscht werden? Egal. Glückwunsch, Facebook, du hast es geschafft. Nach 13 Jahren Perfektionierung des superintelligenten Beitrags-Aussortierungs-Algorithmus ist dieser Erfolg nur die logische Konsequenz.


Diese sympathische junge Dame wollte mit mir befreundet sein. Sie hatte auch schon Freunde, die wie ich in Bermaringen wohnten. Die anderen (ebenfalls alle männlich) waren aus Bernau, Bernloch, Berlichingen, Bermersbach, Bernbach und Bernstadt. Zufälle gibt’s …

Ich muss gestehen: ich fand Facebook auch mal ganz praktisch. In der Zeit, als ich noch versucht habe, meine Fotografie bekannt zu machen. Das hat damals sogar einigermaßen funktioniert. Schöne Bilder zeigen und versuchen, ein paar größere Seiten auf sich aufmerksam zu machen, um von ihnen geteilt zu werden. Ob das heute noch klappen würde? Schwer zu sagen. Mit selbst hochgeladenen Bildern hat man noch Chancen, das mag der Facebook-Reichweiten-Algorithmus im Gegensatz zu externen Links. Das geht also noch halbwegs gut, solange man nicht eins der vielen Opfer einer willkürlichen Sperrung wird. Aber meine Seite ist eh nicht mehr aktiv, ich nutze Facebook nur noch privat. Und was ich da zu sehen bekomme, macht schon lange keinen Spaß mehr.


Das Bild wurde über 10.000mal angesehen und über 40mal geteilt. Man könnte fast stolz sein, wenn man nicht wüsste, mit was für Beiträgen andere Seiten Zigtausende Likes sammeln …

Der derzeitige Zustand meiner Facebook-Timeline

Bevor ich überhaupt die Timeline angezeigt bekomme, die ich sehen will, muss ich erst mal links oben auf „News-Feed“ und dann auch „Neueste Meldungen“ klicken, weil Facebook mir ständig seine „Top-Meldungen“ aufdrängen will. Da steht dann ganz oben z. B. eine Unwetterwarnung vom Vortag als aktuelle Top-Meldung. Gestern, als sie tatsächlich aktuell war, war sie aber nicht relevant genug, um in den „Neuesten Meldungen“ aufzutauchen. Gelegentlich erscheint auch zwichen den anderen Meldungen eine Box „Seitenmeldungen, die dir gefallen könnten“. Das kann z. B. eine Meldung der Seite Polarlicht-Vorhersage sein, Text ungefähr: Sonnensturm, kommende Nacht Polarlicht bis nach Süddeutschland möglich! Fotografen, macht euch bereit! Datum der Meldung: vorgestern. Vorgestern war das aber weder eine „Neueste“ noch eine „Top-Meldung“. Die Seite hat wohl nicht dafür bezahlt, dass die Leute, die ihr folgen, um ihre Beiträge zu sehen, ihre Beiträge zu sehen bekommen. Und ich habe bis heute kein Polarlichtfoto gemacht.

Facebook ist offensichtlich der Meinung, dass ich Likes für Seiten nur aus Sympathie vergebe, aber an ihren Inhalten kein Interesse habe. Es meint, dass andere Dinge für mich relevanter sind. So was wie islamfeindliche Hetze oder Beiträge einer homophoben Organisation. Weil das Person X gefällt. Klar, dass ich das sehen will, schließlich habe ich Xs Freundschaftsanfrage angenommen, obwohl ich X nicht mal persönlich kenne.
Außerdem interessiert mich brennend, welche Kommentare Person Y schreibt. Y kenne ich sogar persönlich. Und Y kommentiert viel. Wenn auch nicht besonders ausführlich: die meisten Kommentare von Y bestehen nur aus dem verlinkten Namen einer Person, die ich nicht kenne.
Und dann ploppt das Benachrichtigungs-Symbol auf. Das muss was ganz Wichtiges sein! Ah ja: Person Z will morgen an einer dieser Partys teilnehmen, auf denen ich es keine zwei Minuten aushalten würde. Das sind alles sehr wertvolle Informationen. Wen interessieren schon Polarlichter, wenn man in der Zeit auch etwas Sinnvolles – also Party – machen kann?

Allerdings bekomme ich diese wertvollen Informationen nicht jeden Tag so übersichtlich serviert. Manchmal kommt es vor, dass eine mit mir „befreundete“ Person mindestens mittleren Alters mit einer vierstelligen Anzahl „Freunde“ Geburtstag hat. An diesen Tagen sind gefühlte 99% der Beiträge an diese Person gerichtete Geburtstagsglückwunschkitschbildchen. Um bleibende Augenschäden zu vermeiden, ist man an solchen Tagen gezwungen, Facebook nach dem ersten Schreck den Rest des Tages fernzubleiben. An Weihnachten sieht es genauso aus, nur dass die Horrorkitschbilder an die Allgemeinheit gerichtet sind, aber darauf kann man sich zum Glück schon im Voraus einstellen.


Nur ein Beispiel für diese speziellen Tage. Auf halbe Größe herunterskaliert, um euch keiner unnötigen Grausamkeit auszusetzen. Immer noch schlimm genug, ich weiß. Sorry.

Erfolgsrezept, Teil 1: Comment-Bait

Natürlich sind findige Seitenbetreiber auch irgendwann dahintergekommen, welche Beiträge Facebook seinen Nutzern am liebsten zeigt. Und auch, dass Bilder und Videos bevorzugt werden gegenüber reinen Textbeiträgen und externen Links. Also werden fast alle Beiträge, auch wenn sie eigentlich nur aus Text bestehen, als Bild (oder manchmal sogar als Video) veröffentlicht. Äußerst beliebt sind Beiträge, die zum Markieren von Personen auffordern. Also zum Schreiben dieser erwähnten Kommentare, die nur aus dem verlinkten Namen einer Person bestehen. Und die dann die ganze Freundesliste zu sehen bekommt, so dass der zu 100% völlig sinnlose Beitrag sich rasant verbreitet.


Sollte es jemand nicht kennen: gibt man das @-Zeichen ein und einen Buchstaben danach, werden Personen zum Verlinken automatisch vorgeschlagen. Die verlinkte Person wird benachrichtigt. Das geht schneller, als der Person in einer Nachricht den Link zum jeweiligen Beitrag zu schicken.

Diese Verlinkungs-Funktion war eine der bescheuertsten Ideen in der Geschichte des Internets. OK, vielleicht nicht die Funktion selbst, aber ihr Missbrauch, gegen den Facebook nichts unternimmt. So findet sie auch rege Verwendung unter diesen Meme-Bildern und -Videos, bestehend aus einem irgendwoher geklauten Bild oder Video und einem Textbalken drüber (manchmal auch drunter), der einen kurzen Text enthält, der zu 99% (in diesem Fall nicht mal übertrieben) mit „Wenn“ beginnt. So was von treffend. Das kennen wir doch alle. Und Freund/in X kennt diese Situation genauso gut wie ich. Gleich mal darunter verlinken.


Grammatik wie im Original. Bitte nicht versuchen, darauf zu klicken. Ist nur ein Screenshot.

Eine weitere sehr populäre Methode, um viele Kommentare und damit weite Verbreitung zu generieren: Rätselbilder. Entweder mit einem Logikfehler oder ohne eindeutige Lösung. Aufgelöst werden sie nie. Die Kommentarflut kann dadurch unbegrenzt lang anhalten.


Dieses Beispiel stammt traurigerweise nicht von einer der üblichen Trash-Seiten, sondern wurde von einer Tageszeitung veröffentlicht, die sich selbst wohl als seriös betrachtet.

Falls jemanden die Lösung interessiert:
Mathematisch betrachtet sind die zweite und dritte Zeile Nonsens und 13 die einzig richtige Lösung für die vierte. Denn das Pluszeichen ist klar definiert und steht für eine herkömmliche Addition. Es würde Sinn ergeben, wenn statt + ein anderes Verknüpfungszeichen stehen würde, z. B. ∘, und man herausfinden müsste, wofür ∘ steht.
In diesem Fall wäre a ∘ b definiert als a * b + a. Dann gilt 2 ∘ 5 = 12. Außerdem 3 ∘ 6 = 21. Und die Lösung für die vierte Zeile wäre 5 ∘ 8 = 45.
Aufgabe für Lineare-Algebra-Interessierte: Erfüllt die Verknüpfung ∘ die Gruppenaxiome? 😉
Dummerweise gibt es noch eine andere Interpretationsmöglichkeit, nämlich dass man zu den zwei Summanden einer Zeile immer das Ergebnis der vorigen Zeile dazuzählen muss. Dann wäre das Ergebnis der vierten Zeile 21 + 5 + 8 = 34. Mathematisch ist das aber genauso falsch, halbwegs akzeptabel wäre es mit einem zusätzlichen Pluszeichen am Anfang jeder Zeile.
Da es also keine einzige mathematisch korrekte Lösung gibt, aber mehrere Möglichkeiten, sich eine mögliche Lösung zusammenzureimen, gibt jeder die aus seiner Sicht richtige Lösung als Kommentar ab. Mehr als 4000 Kommentare sind in kürzester Zeit zusammengekommen, dazu über 1000 Shares.

Erfolgsrezept, Teil 2: Geklaute Inhalte

Höchstwahrscheinlich hat diese Zeitung das Rätselbild nicht selbst erstellt, sondern von einer anderen Seite geklaut und selbst hochgeladen. Das ist nicht direkt verwerflich, denn die andere Seite hat es höchstwahrscheinlich genauso gemacht. Facebook belohnt eigene Inhalte mit einer höheren Verbreitung. Dabei bedeutet „eigene Inhalte“ nur, dass man die Inhalte selbst veröffentlicht hat. Die „Teilen“-Funktion ist schon lange out. Denn wenn man einen Beitrag teilt, dann sieht man noch, wer der Urheber war. Das ist total uncool, schließlich kann man die ganzen Likes für sich alleine haben, indem man den Beitrag nicht teilt, sondern kopiert und selbst neu veröffentlicht. So findet die Arbeit manches unbekannten Foto- oder Videokünstlers unerwartet große Verbreitung. Von der der Künstler nur leider nichts hat, weil niemand weiß, wer er ist.

Das Perfide daran: Facebook unterstützt solche Urheberrechtsverletzungen systematisch. Zum einen, indem wie schon erwähnt externe Links niedriger gewichtet werden als selbst hochgeladene Inhalte. Zum anderen dadurch, dass man zwar anstößige Inhalte recht einfach melden kann, aber das Melden einer Urheberrechtsverletzung ein größerer Aufwand ist. Davon profitieren auch die größten Landschaftsfoto-Seiten auf Facebook (namens „BEAUTIFUL PLANET EARTH“ o. ä.), die mit sechs- oder siebenstelligen Zahlen von Fans aufwarten können und ausschließlich geklaute Bilder ohne Angabe des Urhebers zeigen. Ich bin immerhin als Fotograf immer unbekannt genug geblieben, dass nie eine dieser Seiten auf meine Bilder als Material zum Klauen gestoßen ist.

Alternativen: Welche sozialen Netzwerke gibt es noch?

Na gut, es gibt einzelne Gruppen, die manchmal nützlich sein können. Und einzelne Personen, die man darüber noch kontaktieren kann, weil sie noch nicht ausschließlich über Whatsapp kommunizieren. Aber als soziales Netzwerk? Da ist Facebook mittlerweile weitgehend unbrauchbar. Gibt es denn noch ein anderes soziales Netzwerk, das diese Bezeichnung noch verdient? Wo man noch vernünftig kommunizieren, Inhalte veröffentlichen, sich mit Gleichgesinnten austauschen und Leute kennenlernen kann?

Twitter

Twitter ist viel besser als Facebook. Zumindest sind Twitter-User viel besser als Facebook-User. Jedenfalls sehen das die Twitter-User so. Vielleicht sind sie auch nur sauer auf Facebook. Weil die großen Facebookseiten ständig ihre Sprüche klauen und als Bilder selbst hochladen. Aber so schlimm ist das auch wieder nicht. Mir z. B. wurde noch nie ein Tweet geklaut. Weil ich diese Klischee-Spruch-Muster nicht mag. Man muss regelmäßig Tweets nach einem dieser Muster veröffentlichen, um so erfolgreich zu werden, dass man mit einer mindestens vierstelligen Followerzahl angeben kann und von Facebookseiten beklaut wird. Ich will ja nicht sagen, dass alle Tweets so aussehen, aber … Ihr kennt das. Aus Gründen. Für euch getestet. Ich prangere das an. Wer von euch war das? Frage für einen Freund. Und jetzt weiß ich auch nicht. Und ihr so? Wir melden uns.

Außerdem gehört es sich, den ganzen Tag müde zu sein, ständig Kaffee zu trinken, den Montag zu verfluchen, irgendeinen Blödsinn von Einhörnern zu schwafeln (immer noch! Wann sterben diese Drecksviecher bloß endlich aus?) und sich dabei super-elitär zu fühlen. Manche halten sich sogar für so vornehm, dass sie alle anderen Twitterer siezen und diese Umgangsformen auch in der umgekehrten Richtung einfordern. Der Mehrheit scheint es jedenfalls vor allem um Aufmerksamkeit zu gehen, um das eigene Ego und darum, besser zu sein als Facebook. Da aber eben die Mehrheit so drauf ist, sind sie alle zusammen eine verschworene Gemeinschaft und haben jeden lieb, der nicht aus der Reihe fällt.


Das Ego des Durchschnittstwitterers in a nutshell.

Was daneben noch zum guten Ton gehört: Eine klare politische Meinung. Der Mainstream bei Twitter ist links, politisch korrekt, feministisch und super tolerant gegenüber allen, die die gleiche Position vertreten. Alle anderen werden blockiert. Für differenziertes Denken und sachliche Diskussionen ist in 140 Zeichen kein Platz. Selbst eine kurze Nachfrage oder 5 Sekunden Nachdenken, wie ein Tweet gemeint ist, scheint oft zu viel verlangt zu sein. Dadurch stehe ich mittlerweile trotz sporadischer Twitter-Nutzung auf Blocklisten beider politischer Lager. Kürzlich musste ich feststellen, dass einzelne User sogar ihre Blocklisten öffentlich machen, mit der Möglichkeit für jeden anderen Nutzer, dieselben fast 50.000 Twitterer zu blockieren. Gut, die Liste besteht mehrheitlich aus rechten Trollen, aber es dürften immer noch einige Tausend dabei sein, die sich irgendwann mal nicht 100% eindeutig ausgedrückt haben und nun für alle Zeiten der Möglichkeit beraubt sind, zu erklären, wie sie es gemeint haben.

Na gut, es gibt auch andere Twitterer. Ich habe einige Leute gefunden, denen ich wirklich gerne folge, die vernünftige, ideologie- und klischeefreie Tweets schreiben und die Blockierfunktion nur im Extremfall benutzen. Es gibt sie. So wie es auch noch ein paar Leute gibt, die sich regelmäßig bei StudiVZ einloggen. Beide sind leider nicht wirklich repräsentativ für den Zustand des jeweiligen Netzwerks.

Instagram

Da Facebook als soziales Netzwerk nichts mehr taugt, verlagern immer mehr User ihre Aktivitäten in ein anderes Netzwerk, das vor einiger Zeit in weiser Voraussicht von Facebook aufgekauft wurde. Instagram ersetzt zunehmend Facebook als Blog-Ersatz. Dabei war es mal eine Plattform, auf der man einfach nur Bilder gezeigt hat. Ich bekomme ansonsten von außen nicht viel davon mit. Nur dass da fürchterlich viel Selbstdarstellung betrieben wird. Und man mit massenhaft verteilten Likes Aufmerksamkeit bekommt. Und dass immer mehr Fotografen keine Website mehr betreiben, weil Instagram ihnen genügt. Die größte Fotografen-Plattform überhaupt. Und bis heute darf man keine Bilder von PC aus hochladen. Die App bleibt den Hosentaschendisplay-Nutzern vorbehalten. Die Zeiten, als man sich als Fotograf Mühe geben musste, damit die Bilder auch in groß nach etwas aussehen, scheinen endgültig vorbei zu sein. Kurz draufschauen, liken und wegwischen ist heutzutage angesagt. Ich Ewiggestriger, der die Fotografie ohnehin weitgehend aufgegeben hat, werde dieses „soziale Netzwerk“ weiterhin boykottieren.

(Und von Snapchat fange ich gar nicht erst an. Snapchat ist kein soziales Netzwerk, sondern ein Riesenhaufen Scheiße. Sorry für die Ausdrucksweise, da meldet sich immer noch meine schwer verletzte Fotografenseele. Zum Glück scheint dieser Schwachsinn ja auf dem absteigenden Ast zu sein.)

Früher war alles besser

Nein, natürlich war früher nicht alles besser. Das ist genauso mathematisch unsinnig wie das Rätsel oben – wegen der Unbegrenztheit der Begriffe „früher“ und „alles“. Aber man kann sie beide auf Teilmengen eingrenzen, und dann ergibt der Satz Sinn: Vor 10 Jahren war das Internet besser. In der Zeit, als es noch soziale Netzwerke gab, die diese Bezeichnung verdienten. Als die Leute zum einen noch Zeit hatten, sich mit anderen Menschen auszutauschen, wenn sie zu Hause am Rechner saßen – zum anderen aber unterwegs noch ohne Internet auskamen. Damals, als es noch unterschiedliche Wege der Kommunikation unter Freunden gab: E-Mail, Telefon (Festnetz und mobil), SMS, Skype und wasweißichwas, jedenfalls noch nicht das derzeitige Kommunikationsmonopol für Whatsapp.

Rückblick: StudiVZ und das Internet 2007

Vor 10 Jahren, das war die Zeit, als das Internet gerade erwachsen geworden war. Informationen zu den meisten Themen waren reichlich vorhanden und leicht zu finden, mit Wikipedia als erster Anlaufstelle. Die unsäglich hässlichen privaten Homepages aus der Frühzeit des WWW mit blauer Schrift auf grün gemustertem Grund und animierten GIF-Blinkebildchen (einem schon damals veralteten Bildformat) gab es kaum noch, sie wurden durch Blogs verdrängt. Dabei war das Erstellen einer Website viel unkomplizierter als heute, wo responsives Design Pflicht ist. Jetzt muss eine Website in erster Linie auf schmalen Hosentaschen-Hochformat-Displays lesbar sein, aber gleichzeitig die wenigen verbleibenden Personen zufriedenstellen, die hin und wieder auch noch den alten 27″-Breitbild-Monitor auf dem Schreibtisch benutzen. Damals musste man dagegen nur eine Variante entwerfen. Im Querformat, und man konnte das Menü noch links platzieren, wo europäische Leser als erstes hinschauen.

Und im Internet von vor 10 Jahren gab es Communities zu jedem Thema. Man konnte sich über alles mit Gleichgesinnten austauschen. Zum Beispiel als Fotograf mit speziellen Interessen in spezialisierten Fotocommunities. Da haben die Leute sich Zeit genommen, um Bilder genau zu betrachten und konstruktive Kritik zu äußern. Darüber habe ich fotografieren gelernt. Und dann gab es noch ein großes Netzwerk, in dem bald Millionen von Mitgliedern angemeldet waren: Das gute alte StudiVZ (später erweitert durch MeinVZ). In den besten Zeiten konnte man zumindest als Student fast jeden Menschen dort wiederfinden, den man im realen Leben getroffen hatte. Und es gab Gruppen zu jedem erdenklichen Thema, egal wie speziell. Mit einem Forum in jeder Gruppe. So richtig mit einer Liste von Threads, auf die man erst draufklicken musste, um den Inhalt zu sehen. Da wurde dann diskutiert. Zum Beispiel über Landschaftsfotografie. Oder über zu Unrecht in Vergessenheit geratene russische Komponisten.


Die Gruppe gibt es sogar noch. Mit immerhin 39 Mitgliedern. Der letzte Beitrag im Forum ist vom 24. 12. 2008.

Kaum zu glauben, dass die VZ-Netzwerke als Facebook-Nachbau gestartet sind, dass also Facebook auch mal so ausgesehen haben muss. Wie ein richtiges soziales Netzwerk, über das man Gleichgesinnte zu jedem Thema kennenlernen konnte. Ich kann mich noch erinnern, als StudiVZ die AGB geändert und (abschaltbare) personalisierte Werbung eingeführt hat. War das ein Aufschrei wegen Datenschutz und so. Und ein paar Jahre später sind sie alle zusammen zur globalen Datenkrake Facebook abgewandert.

Vor ziemlich genau 10 Jahren war ich als psychisch angeknackster Student der Uni Freiburg in einer StudiVZ-Gruppe für Menschen mit dem gleichen Knacks angemeldet. Dort habe ich im Forum einen Beitrag verfasst, in dem ich mich über mich selbst und die Menschheit ausgekotzt habe. Daraufhin hat mir eine Studentin der Uni Erlangen-Nürnberg, die ebenfalls Mitglied dieser Gruppe war, eine Nachricht geschickt. Heute ist sie meine Frau.

Social Web am Ende?

Eine Geschichte, die völlig undenkbar gewesen wäre, hätte die Social-Media-Landschaft damals schon so ausgesehen wie heute. Zum einen würde ich einem datensammelwütigen Weltkonzern wie Facebook nie meine Psychokacke anvertrauen, zum anderen ist die Gruppenstruktur für Diskussionen wie damals in den Foren nicht mehr geeignet. Gut, bei Twitter haben sich entsprechende Sub-Communities gebildet. Aber alles öffentlich und in 140 Zeichen – suboptimal.

Die These, das Social Web sei am Ende, wird mir wohl kaum einer abnehmen. Schließlich ist user-generated content heutzutage weiter verbreitet als je zuvor. Etwa in Bewertungen für Produkte, Shops, Restaurants, Ärzte oder Arbeitgeber. Das ist eine Komponente, deren Nutzen ich nicht abstreite. Was mir heute fehlt, ist das wirklich Soziale im sozialen Web. Die Möglichkeit zum tiefergehenden Austausch mit Gleichgesinnten. Und zum Kennenlernen von Leuten, auch für Personen, die im realen Leben weniger sozial veranlagt sind. Da war das vergleichsweise entschleunigte Internet von 2007 ein Segen. Der wohl endgültig der Vergangenheit angehört angesichts der heutigen Schelllebigkeit, Oberflächichkeit, permanenten Reizüberflutung und Neigung zum schnellen Liken und Weiterwischen ohne Nachdenken. Wenn man hört, die heutige Jugend nutze Snapchat deswegen so gerne, weil ihr Twitter schon zu textlastig sei … nun ja, dann bleibt immerhin doch die Hoffnung, dass das nur ein Pendel ist, das sich gerade am maximalen Ausschlag in diese Richtung befindet und sich irgendwann in vernünftigeren Regionen einpendeln wird.

(PS: Seit ein paar Monaten habe ich nun auch ein Smartphone. Ich weiß gar nicht, was alle immer haben von wegen Akkulaufzeit. Meiner hält eine Woche. Man muss das Gerät nur richtig nutzen.)


Kommentare

2 Milliarden – Glückwunsch, Facebook! (Oder: Das Konzept „Social Network“ ist tot.) — 1 Kommentar

  1. Ich habe mit grossem Vergnügen diesen Beitrag gelesen und kann in vielen Teilen nur zustimmen. Ich meine schon lange: Die Sozialen Netzwerke werden überbewertet. Facebook habe ich längst gelöscht. Twitter ist auch nicht mehr der Renner. Und meine Blogs werden zwar eifrig aufgerufen und vermutlich auch gelesen, aber die Mühe, etwas reinzuschreiben, macht sich fast niemand.

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