Ich geb’s auf. (2)

Ich geb’s schon wieder auf. Naja, was heißt „schon wieder“. Das letzte Mal ist gut zwei Jahre her. Jetzt ist wieder eine Phase mit mehreren Monaten ohne veröffentlichte Bilder vergangen, und wieder fühle ich mich zu einem Erklärungsversuch gedrängt. Oder wenigstens zu einer Statusmeldung und einer Prognose, wie es weitergeht. Immerhin gibt es ja ein paar Leute, die hier öfter hereinschauen.


Hier sehen wir einen Sonnenuntergang über Edinburgh. Der passt eigentlich nicht an diese Stelle, war aber schön. (Ich werde hier noch ein paar weitere unveröffentlichte Bilder einstreuen.)

Vor zwei Jahren konnte ich eine klare Ankündigung machen: Neuanfang, neue Motivation, neue Bilder und so. Jetzt gerade ist so eine Ankündigung nicht so einfach. Mein Verhältnis zum Thema Fotografie hängt davon ab, ob ich gerade einen guten oder einen schlechten Tag habe. An schlechten Tagen gehen die Gedanken in Richtung Kamera einmotten, Website zumachen und das Kapitel Fotografie abschließen. Nun allerdings zeichnet sich eine interessante Entwicklung ab, was Hochs und Tiefs betrifft. Es festigt sich zunehmend der Trend, dass sich zum Wochenende ein blockierendes Hoch auf dem Atlantik etablieren und ein Tief über dem nördlichen Mitteleuropa arktische Meeresluft zu uns befördern wird, kurz: Der erste Schnee scheint in greifbarer Nähe. Und wenn er kommt, wird mir gar nichts anderes übrig bleiben, als ihn fotografisch festzuhalten.

Also Ankündigung an dieser Stelle: Es kommen demnächst (hoffentlich) ein paar winterliche Bilder. Und vorher, also jetzt, wie vor zwei Jahren, einige ziemlich persönliche Gedanken.

Bisher habe ich mir in Bildbeiträgen Anmerkungen zu meinem Gemütszustand meistens verkniffen. Hier sollte es nur um die Bilder gehen. Aber auf Dauer funktioniert das so nicht. Man muss auch mal ehrlich sein. Die letzten Monate waren größtenteils von den erwähnten schlechten Tagen geprägt. Das ist nicht die erste solche Phase seit dem Umzug und dem Beginn des neuen Studiums. Diesmal war das Loch nur besonders tief. Und es wird voraussichtlich auch nicht das letzte gewesen sein. Keine Sorge, bisher habe ich mich jedes Mal irgendwie wieder gefangen. Aber ich habe diesmal festgestellt, dass mir das Fotografieren dabei nicht hilft. Weil es Teil des Problems ist.

Fotografie für und gegen andere (2)

Nein, das Problem ist nicht das Fotografieren an sich, sondern das vor zwei Jahren schon beschriebene Fotografieren für und gegen andere. Es sind in den letzten Monaten auch Bilder entstanden. Nur nicht direkt für die Öffentlichkeit. Berglandschaften zu sehen und festzuhalten tut immer noch gut. Und falls jemand unter den Lesern dieses Blogs die Situation kennt, dass das Leben zu viele Anforderungen auf einmal stellt und das Hirn mit totaler Überforderung und einem schwarzen Loch reagiert, das danach strebt, alles andere zu verschlucken, und sich dann die Gelegenheit ergibt, wenigstens für 24 Stunden davor zu flüchten und sich etwas Gutes zu tun, woraufhin das Loch höhnisch lacht: „Du Loser bringst nichts auf die Reihe und willst jetzt einfach abhauen?“, dann ist es angebracht, diesem ein „Fick dich!“ vor den Latz zu knallen und sich die Auszeit einfach mal richtig hart zu gönnen, wie man das auf gut neudeutsch auszudrücken pflegt. So kam ich auch 2016 zu meinen alljährlichen knapp 24 Stunden in der Bergwelt Graubündens. Und das war gut so.


Der Lago di Saoseo. Wäre ich etwas esoterischer veranlagt, würde ich mich zu der Bezeichnung „Kraftort“ hinreißen lassen.

In einem ersten Entwurf dieses Artikels waren einige Entwicklungen erwähnt, die mich am Thema Fotografie im Internet stören. Darunter die immer noch grassierende Ahnungslosigkeit der breiten Masse zu allem, was mit Fotografie zu tun hat. Die scheinbar immer weiter sinkenden Ansprüche daran, was ein gelungenes Foto ist, so dass es sich nicht lohnt, sich beim Fotografieren und Bearbeiten Mühe zu geben. Schnelllebigkeit und Reizüberflutung auf einem immer extremeren Niveau, so dass man sich immer weniger Zeit nimmt, ein Bild überhaupt richtig wahrzunehmen. Die Entwicklung weg von großen Monitoren auf dem Schreibtisch hin zu Displays im Hosentaschenformat als bevorzugtes Medium für die Bildbetrachtung. Also Geräte, die für die Betrachtung von Bildern, hinter denen ein gewisser Aufwand steckt, nicht gemacht sind, und erst recht nicht für Bildbearbeitung. Die Feststellung, dass die erfolgreichste Plattform zur Veröffentlichung von Bildern nur auf solchen Geräten bedienbar ist. Wobei, ist das überhaupt noch Instagram oder inzwischen schon Snapchat? Noch schlimmer. Snapchat ist die Manifestation der schlimmsten Alpträume, zu denen das kranke Hirn eines anspruchsvollen Fotografen überhaupt in der Lage ist.


Puh. Einmal tief durchatmen und das Meeresrauschen von Ardnamurchan Point auf mich wirken lassen. OK, jetzt geht’s wieder.

Und dann die anderen Fotografen, von denen es dieser Entwicklung zum Trotz immer mehr gibt, inzwischen längst unüberschaubar viele. Jeder von ihnen will irgendwie sein Zeug unter die Leute bringen. Die meisten setzen für ihre Fototouren finanzielle Mittel ein, über die ich in absehbarer Zeit nicht verfügen werde. (Ja, ich war dieses Jahr auch in Schottland, wie aus den Bildern in diesem Artikel hervorgeht. Das war allerdings unsere erste selbst organisierte und finanzierte Urlaubsreise seit acht Jahren.) Möglichst spektakulär muss alles sein, sonst geht es im Überangebot an Landschaftsfotografie unter. Dabei habe ich das Gefühl, dass immer schamloser an den Farb- und sonstigen Reglern gedreht wird und das die Leute immer weniger stört. Es stört sie genauso wenig wie die Werbung für Workshops, die gefühlt in jeder zweiten Bildbeschreibung zu lesen ist. Inzwischen bin ich dazu übergegangen, die meisten Landschaftsbilder bei Facebook gleich wegzuscrollen, weil ich sie nicht mehr sehen will. Und wenn man das Zeug von den anderen nicht mehr sehen will, dann widerstrebt es einem irgendwann auch, seine eigenen Sachen den anderen zugänglich zu machen.

An diesem Punkt ist mir dann allerdings klar geworden, dass es unter den anderen auch die einen und die anderen gibt. An dieser Stelle möchte ich einen Dank an alle aussprechen, von denen ich im Lauf der Zeit erfahren habe, dass sie genau die Art Fotografie gerne sehen, die in diesem Blog hier zu finden ist. Und ihr seid vermutlich gerade die Leute, die auch diesen Artikel lesen. Also sind Schimpftiraden über die Instagramisierung der Fotografie eigentlich völlig unnötig, weil diejenigen, über die ich mich aufrege, hier sowieso nicht hereinschauen. Und selbst wenn es nur eine Handvoll Personen wären, die diese Art der Landschaftsfotografie zu schätzen wissen: Für die lohnt es sich doch. Deshalb jetzt eine Festlegung: Es wird auch diesmal irgendwie weitergehen. Wenn auch wahrscheinlich mit eher unregelmäßigen Beiträgen.


Glen Pean, hinter dem Loch Arkaig am Ende einer langen einspurigen Straße, abseits der beliebten Ziele von Landschaftsfotografen. Dieses Fleckchen Erde ist zu schön, um es für sich zu behalten.

Weniger Fotografie, mehr Musik

Jetzt habe ich mich also trotzdem nebenbei über Entwicklungen ausgekotzt, die schon vor zwei Jahren klar zu sehen waren. Damals ging es mit neuer Motivation weiter. Diesmal die absolute Foto-Krise. Wieso das?

Nun ja. Jetzt wird’s noch mal sehr persönlich. Habe mir überlegt, ob das überhaupt an die Öffentlichkeit gehört, aber das hier ist ein kleiner privater Blog, der alle kommerziellen Ambitionen abgelegt hat, und die paar Leute, die ihm folgen, dürfen auch ein bisschen über den Menschen wissen, der dahinter steht. Rückblick auf die Zeit um das Jahr 2003, die Zeit der Weichenstellung für das Berufsleben. Damals war mein Ziel klar: Musikstudium. Man hat es als latent autistischer Schüler ja nicht immer leicht. Aber man kommt klar, wenn man etwas hat, was man besser kann als der Rest. In meinem Fall war das eben Musik. Und deshalb erschien Musik als Berufsziel alternativlos. Tja. Keine Musikhochschule wollte mich haben. Rückblickend betrachtet: gut so. Damals: Lebenskrise. Und die Erkenntnis: Es ist nicht gut, sich abhängig zu machen von einer Sache, die man gut kann. Wie cool waren die Leute, die das nicht nötig hatten. Die irgendwas völlig anderes studiert hatten und sich, wenn sich die Gelegenheit ergab, am Klavier austoben konnten, zum Erstaunen ihrer Bekannten („wow, das kannst du auch?“).

Als ich dann angefangen hatte zu fotografieren, allmählich besser wurde und begann, mir in Fotocommunities einen gewissen Respekt zu erarbeiten, bekam ich das Gefühl, jetzt auch zu diesen Leuten zu gehören. Mit der Zeit erwuchs daraus die fixe Idee, ein Foto-Gewerbe etablieren zu wollen. Eine meiner größten Fehlentscheidungen. Der Markt war schon damals gesättigt. Und ich hätte eigentlich wissen müssen, dass Verkaufstalent und Durchsetzungsvermögen nicht gerade meine größten Gaben sind. Aus dem Hobby wurde ein Kampf, der nicht zu gewinnen war. Besonders blöd daran: Ich habe in dieser Zeit das vernachlässigt, was ich eigentlich am besten konnte.

Fotografie, vor allem wenn man den Schwerpunkt Landschaft wählt, hat einen klaren Vorteil: Jeder kann sie lernen, man braucht kein Talent dafür. Der Nachteil: Das tut inzwischen tatsächlich gefühlt so gut wie jeder. Gut, theoretisch kann auch jeder lernen, eine Skrjabin-Klaviersonate zu spielen. Aber die wenigsten nehmen den Weg bis dorthin auf sich. Und hier spielt Talent eine weit größere Rolle. Vor allem wenn man nicht nur das spielen will, was andere komponiert haben. Die Landschaftsfotografie hat da noch einen großen Nachteil: Man kann nur die Landschaften ablichten, die es schon gibt. Als Musiker dagegen kann man immer noch Neues schaffen – auch in Zeiten der Postmoderne. Und in diesem Bereich habe ich wieder Pläne, Träume und Ziele. Möchte hier noch nichts Genaues verraten, solange noch nicht genug fertig ist. Aber es ist motivierend. Anders als die Fotografie, die mich in eine Sackgasse geführt hat.

Und es wird auf unbestimmte Zeit eine rein hobbymäßige Angelegenheit bleiben. Deshalb das Medieninformatikstudium. Das ist keine Herzensangelegenheit. Aber voraussichtlich als Beruf erträglich und geeignet, den Lebensunterhalt zu bestreiten, ohne auf Einnahmen durch eine Tätigkeit angewiesen zu sein, die man wirklich gerne macht. (Dieser Artikel wird wohl zumindest vorübergehend verschwinden müssen, sobald ich mich als Medieninformatiker irgendwo bewerbe. 😉 ) Wenn die erwähnten Musik-Pläne schließlich Gestalt annehmen, wird das selbstverständlich auch hier zu lesen sein. Irgendwo vor oder nach einem Beitrag über einen Sonnenaufgang mit Bodennebel, Reif und bunten Wolken, wie letzten Freitag. Es gibt sie immer noch, diese bezaubernden Wetter- und Naturstimmungen, bei denen ich mir wünsche, ich hätte die Kamera dabei. Und an diesem Morgen habe ich mir vorgenommen, sie generell wieder öfter mitzunehmen.


Da hatte ich sie glücklicherweise dabei: Ausblick von einer sonnigen Insel im Regenschatten des Ben Nevis (im Hintergrund). Philosophischer Einwurf: Warum heißt es eigentlich „Regenschatten“, wenn gerade dort die Sonne scheint?

Fazit: Deinen Traum leben? Denk besser noch mal drüber nach.

Zugegeben, meine Ausführungen sind stark von persönlichen Erfahrungen und viel Frust geprägt. Klar, jeder fährt mal einen Karren gegen die Wand. Und lernt im Idealfall daraus. Ich gehöre blöderweise zu denen, die erst eine ganze Fahrzeugflotte schrotten müssen, um zu begreifen, dass das mit dem „Lebe deinen Traum“ nicht so trivial ist, wie es sich anhört. Wie auch immer: In Zeiten, in denen sich sämtliche Kino-Werbespots, viel zu viele Poetry-Slam-Beiträge und die Mentalität einer ganzen Generation auf das Schlagwort „YOLO“ herunterbrechen lassen, halte ich es für legitim, ein bisschen gesunden Pessimismus einzustreuen.

Mit den Träumen ist es wie mit Beziehungen. Da ist am Anfang das himmelhohe Jauchzen und auf-Wolke-7-Schweben. Die Zeit, in der man nur die Sonnenseiten sieht. Und gerne den Fehler macht, daraus den Schluss „Das ist der/die Richtige“ oder „Es ist Liebe“ zu ziehen. Ohne eine Vorstellung davon zu haben, was Alltag bedeutet. Und einige Zeit später geht man im Krach auseinander. Eine feste Beziehung einzugehen ist eine Entscheidung, über deren Konsequenzen man sich klar sein muss. Nur dann kann es dauerhaft funktionieren. Etwa so läuft das auch es mit dem Leben von Träumen. Nur dass man da zusätzlich täglich mit einem Widersacher zu kämpfen hat, der alles unternimmt, um die Beziehung zu zerstören: Der Kapitalismus, der alte Schlawiner. Darum ist es gerade beim Thema „Hobby zum Beruf“ sinnvoll, sich die Worte eines weisen Mannes zu Herzen zu nehmen, der sinngemäß gesagt hat: „Ein Job ist, wenn man etwas tut, was man hasst, um sich Dinge leisten zu können, die man nicht hasst.“ (Liebe potentielle Arbeitgeber, das war bewusst überzogen formuliert und ist nicht wörtlich zu nehmen. Das Zitat ist übrigens von Donald Duck.)

Jetzt spüre ich schon die empörten Reaktionen hinter den Bildschirmen meiner Leser: Wenn man es wirklich will, dann muss man es doch wenigstens versuchen, sonst bereut man es hinterher erst recht! Ja, sicher, man darf es versuchen. Aber nicht ohne vorher vernünftig über die möglichen Konsequenzen nachgedacht zu haben. Und vor allem nicht ohne Plan B. Sonst verkracht man sich so wie die Fotografie und ich. Wobei ich ja davon ausgehe, dass wir trotzdem Freunde bleiben können. Ich glaube, das wäre uns beiden recht.

Wie vor zwei Jahren möchte ich auch diesmal den Artikel mit einem musikalischen Beitrag abschließen. Mit dem Unterschied, dass es diesmal ein selbstgemachter ist. Ich hoffe, man verzeiht mir die falschen und fehlenden Töne (zu meiner Verteidigung: das Klavier ist eine Katastrophe). Kennt hier eigentlich jemand Ilmari Hannikainen? Es gibt in der Musik, genau wie in der Landschaftsfotografie, immer noch sehr viele unentdeckte Schätze.


Kommentare

Ich geb’s auf. (2) — 1 Kommentar

  1. Im Sonnenschatten ist rund herum Sonne, aber bei mir Schatten.
    In Ihrem Bild ist rund herum Regen, aber bei Ihnen Sonne. Die Bezeichnung ist doch recht treffend analog gewählt.
    Ihren Artikel hab ich mit großem Vergnügen und auch dankbar für die vielen Anregungen gelesen. Seit Jahrzehnten laufe ich in traumhaften Gegenden, etwa Berge , Hochgebirge, Meer, Chiemgau etc.herum und versuch mit meist wenig Erfolg die Stimmung in guten Bildern festzuhalten. Bis jetzt glaubte ich , es liegt an meiner einfachen Ausrüstung(derzeit Nikon V2 mit diveren Objektiven) aber es liegt wohl mehr an mir und meinen stets ungeduldigen Begleitern.

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