Geywitz‘ Dorfladen: Ein Stück Bermaringer Geschichte geht zu Ende

Bermaringen: über 23 Jahre ist es her, dass sich meine Familie hier auf der Ulmer Alb niederließ. Damals war der Ort für seine 1200 Einwohner recht gut ausgestattet, es gab u. a. zwei Lebensmittelläden, eine Metzgerei und ein Textilgeschäft. Eins der letzten Geschäfte, das aus der damaligen Zeit übrig geblieben ist, war der Lebensmittelladen von Christian und Marie Geywitz – ein klassischer „Tante-Emma-Laden“, vor einigen Jahrzehnten noch ganz normal, heute eine echte Rarität. Die 23 Jahre, die ich miterlebt habe, sind dabei nur ein kleiner Teil der langen Geschichte des Dorfladens.


Mit diesem Laden geht ein Stück meiner Kindheit verloren. Wie viele Erinnerungen daran hängen … So durfte ich als Grundschüler den Wochenendeinkauf für die ganze Großfamilie übernehmen, damals schob ich jeden Samstag einen umgebauten Kinderwagen mit einem großen, gut gefüllten Einkaufskorb durch das Dorf und aß anschließend daheim den Nuts-Riegel, den ich mir von Taschengeld gegönnt hatte. Einmal steckte ich heimlich ein Duplo im Wert von 35 Pfennig ein, weil ich – wie Kinder das halt so machen – die darin enthaltenen Aufkleber sammelte. Danach plagte mich wochenlang mein Gewissen: In irgendeinem anderen Laden hätte man sich das schon mal erlauben können, aber nicht beim Geywitz. Daraufhin nahm ich im Laden neun saure Zungen (10 Pfennig pro Stück) aus dem großen Behälter und behauptete beim Bezahlen, es wären zehn – nach vier solchen Einkäufen war das Duplo abbezahlt. 🙂

So kann sicher fast jeder Bermaringer seine eigenen Geschichten im Zusammenhang mit dem Laden erzählen. Doch am meisten zu erzählen hat natürlich Christian Geywitz selbst, der in seiner Ausbildungszeit dort angefangen hat und nun sage und schreibe 67 Jahre seines Lebens mit der Arbeit in seinem Laden verbinden kann. Seit 50 Jahren betreibt er ihn mit seiner Frau Marie gemeinsam. Doch das Geschäft ist noch älter, es befindet sich seit 1889 im Besitz der Familie. Früher gehörte auch noch eine Poststelle dazu, doch als die Bundespost zur Deutschen Post AG wurde, fiel diese bald der Rationalisierung zum Opfer. Trotzdem trug der Laden bei uns in der Familie – und sicher nicht nur da – weiterhin die Bezeichnung „d’Boschd“, schließlich konnte man auch ohne die Poststelle immer noch Briefmarken kaufen.

Bis auf den Wegfall der Poststelle hat sich in dieser Zeit auch so gut wie nichts geändert. Dabei gingen die Geywitzens durchaus mit der Zeit: Regionale Produkte gab es schon immer, Bio- und Fairtrade-Waren gehörten irgendwann auch selbsverständlich zum Sortiment. Die Ladeneinrichtung sieht dagegen immer noch genauso aus wie vor 23 Jahren. Die Kasse wurde in dieser Zeit einmal ausgetauscht, aber einen Scanner gab es nie. Alle Preise wurden von Hand eingetippt, und auf jedem Artikel war ein Preisschild angebracht – oft mit der Aufschrift „Sonderpreis“. Tatsächlich bekamen alle Kunden Sonderpreise: „Du hast drei Becher Sahne? Die kriegst du für 70 Cent statt 75.“ Dann gab es am Ende immer noch einen zusätzlichen Rabatt auf alles und obendrauf ein Schoklädle geschenkt. Klar, dass man da als Kind die Aufgabe des Wochenendeinkaufs gerne übernommen hat. 🙂

Natürlich fällt es mir als hoffnungslosem Nostalgiker schwer, mich von diesem Stück Bermaringer (und meiner eigenen) Geschichte zu verabschieden. Auch wenn es abzusehen war, dass sich kein Nachfolger finden würde und der Laden irgendwann aus Altersgründen schließen musste, war dieser doch immer eine Konstante – etwas, was in dieser schnelllebigen Zeit einfach so bleibt, wie es immer war. Als ich von der bevorstehenden Schließung erfuhr, kam mir in den Sinn, warum ich damals mit dem Fotografieren angefangen hatte: um Vergängliches festzuhalten. Das war auf Naturstimmungen bezogen, die nach wenigen Minuten vorüber waren – funktioniert aber auch bei Dorfläden, die nach 126 Jahren aus dem Ortsbild verschwinden.

Ich sage Danke – dafür, dass ich diese Bilder machen durfte. Und natürlich für die Kindheitserinnerungen. Für die Schokolade. Für alles. Schön war’s.


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