Blau-schwarz oder weiß-gold? Zum Wahrheitsgehalt „unbearbeiteter“ Fotos

Normalerweise erfahre ich von irgendwelchen Internet-Sensationen immer erst mit Verspätung, wenn sich niemand mehr dafür interessiert. Aber dieser spezielle Fall hat selbst mich schon erreicht, während er noch aktuell war. Meine Frau kam heute mittag in mein Zimmer und zeigte mir ein Bild von einem blau-schwarzen Kleid – mit der Behauptung, dieses sei eigentlich weiß-gold. Ich verstand den Witz nicht. Bis mir klar wurde, das sie – und ebenso mindestens die Hälfte der Internet-Nutzer – das ernst meinte.

Fotografen sehen blau und schwarz

blau-schwarz
Screenshot: swiked / tumblr

Mittlerweile kenne ich dazu auch die Meinungen einiger Fotografen. Sie sind sich alle einig: Völlig unverständlich, wie da jemand etwas anderes sehen kann als blau und schwarz. Mit etwas Erfahrung im Bereich Bildbearbeitung ist der Fall klar: Wenn dieses Blau Weiß sein soll, dann lag der Weißabgleich der Kamera extrem daneben. Klar, es gibt Situationen, wo z. B. weißer Schnee auf Fotos blau wirkt – weil er entweder in der Dämmerung (zur blauen Stunde) aufgenommen wurde oder weil auf dem Bild sowohl sonnige als auch schattige Bereiche sichtbar sind.

Ein solcher Fall liegt hier aber nicht vor. Das Kleid füllt den größten Teil des Bildes aus, und der Rest ist völlig überbelichtet und damit nicht von Belang (wobei im Hintergrund sogar noch Gelbtöne zu erkennen sind, also die Komplementärfarbe zu Blau, was erst recht für ein blaues Kleid spricht). Die Kamera (auch wenn es sich dabei offensichtlich um eine billiges Handy-Modell handelt) hätte den Weißabgleich also an der weißen Farbe des Kleides ausrichten müssen. Dann hätte das Bild aber so ausgesehen:

grau-gold

Nach dieser Anpassung des Weißabgleichs konnte ich nachvollziehen, wie man das Schwarz als Gold interpretieren kann. Nicht aber, dass die blauen Flächen als weiß wahrgenommen werden. Denn dafür sind sie schlichtweg zu dunkel. Der Helligkeitskontrast zwischen „weiß“ und gold ist sehr gering. Derjenige zwischen dem Kleid und dem Hintergrund dagegen ist sehr groß. Bei einem weißen Kleid wäre es nicht zu einer so extremen Überbelichtung im Hintergrund gekommen.

Natürlich ist das Rätsel inzwischen aufgelöst – es handelt sich tatsächlich um ein blau-schwarzes Kleid. Was will ich also mit dieser Analyse überhaupt bezwecken?

„Unbearbeitete“ Bilder zeigen nicht die Realität

Erstens: Dieses Bild, das in kürzester Zeit Internet-Nutzer auf der ganzen Welt in zwei Lager gespalten hat, ist der ultimative Beweis dafür, dass „unbearbeitete“ Bilder nicht die Realität abbilden. Mehr noch: dass es so etwas wie eine Realität auf Fotos gar nicht gibt, sondern alles von der individuellen Wahrnehmung abhängt.

Zweitens: Erfahrene Fotografen erkennen sofort, welche Farben das Kleid tatsächlich hatte. Das heißt: Wer sich intensiv mit Bildbearbeitung beschäftigt, kann die Realität hinter Fotos besser beurteilen als unerfahrene Betrachter.

Was ich damit eigentlich nur sagen will: Komm mir bitte in Zukunft keiner mehr mit der Behauptung, Bildbearbeitung würde die Realität verfälschen, die Betrachter täuschen und wasweißichwasnochalles. Hätte die Person, die das Kleid geknipst hat, das Bild vor der Veröffentlichung anständig bearbeitet, dann wäre es nie zu dieser weltweiten Verwirrung gekommen. Bildbearbeitung (wenn man sie gewissenhaft einsetzt) sorgt also nicht nur für eine realistischere Darstellung, sondern zusätzlich für Frieden im Internet. 🙂

(Das musste ich nur mal eben loswerden. Jetzt freue ich mich auf morgen früh: Fotos von Schnee zur blauen Stunde …)


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