Ich geb’s auf.

Den wenigen regelmäßigen Lesern dieses Blogs ist es vielleicht aufgefallen: In den letzten Monaten war es recht ruhig hier.

Nein, ich gebe das Fotografieren natürlich nicht ganz auf. Nur das Fotografieren für und gegen andere. Also möglichst vielen gefallen zu wollen und mit konkurrierenden Fotografen mithalten zu müssen. Es war ein großer Fehler, mit der Fotografie etwas erreichen zu wollen. Durch den Erfolgsdruck geht der Spaß verloren.

Fotografie für die anderen

Die Verlockung ist groß, gerade wenn man sich ein leicht zugängliches Gebiet wie die Landschaftsfotografie als Schwerpunkt ausgesucht hat. Da bietet es sich einfach an, sich an der breiten Masse auszurichten und Bilder zu machen, die möglichst gut ankommen. Das Schöne ist: Es funktioniert einwandfrei. Eine einigermaßen hübsche Landschaft, dazu noch bunte Himmelsfarben, und die Leute sind begeistert.

Das weniger Schöne: Die Leute sind begeistert, wenn sie eine einigermaßen hübsche Landschaft und bunte Himmelsfarben sehen. Das reicht schon. Bildgestaltung und angemessene Bearbeitung sind egal. Ob es sich um ein durchdacht gestaltetes und fachkundig bearbeitetes Bild oder um einen zu Tode getonemappten Schnappschuss handelt, das kann die Mehrheit der Betrachter nicht unterscheiden. Wozu soll man sich da noch Mühe geben?

Wenn die Leute einfach nur anspruchslos wären, wäre das ja noch erträglich. Aber viele von ihnen lassen sich auch noch bereitwillig betrügen, indem sie z. B. solche Fotomontagen als vermeintlich authentische Wetterbilder in die Best-of-FC-Galerie wählen, während viele sehr gute Bilder von ehrlichen Fotografen außen vor bleiben, weil sie nicht spektakulär genug sind. Und wenn man es wagt, auf die Manipulation hinzuweisen, dann kommt als Antwort so etwas wie „Du bearbeitest deine Bilder doch auch“. Leute, was soll das? Wenn ich mich über einen rasenden, drängelnden, lebensgefährlich und unerlaubt überholenden Fahrer aufrege, antwortet ihr mir dann etwa „Reg dich nicht auf, du fährst doch auch Auto“?

Total realistisches Wetterbild
100% authentisch. Ich habe alle Bestandteile des Bildes selbst fotografiert. Vertraut mir.

Dabei war man doch einst so idealistisch. Hat sich der Bilder von Anfängern mit hilfreichen Tips angenommen und fleißig Fragen in Fotoforen beantwortet. Aber der Idealismus verfliegt, wenn man sieht, dass die gleichen dummen Fragen immer wieder gestellt werden. Und immer wieder die gleichen Antworten von Leuten kommen, die sich wichtig machen wollen, aber keine Ahnung vom Thema haben. Da hat man zigmal erklärt, dass die dpi-Angabe für Bilder im Internet bedeutungslos ist, und trotzdem wird die Frage danach immer noch gestellt und unsinnige Antworten darauf gegeben. Irgendwann stellt man fest, dass Beiträge zu diesen altbekannten Themen reine Zeitverschendung sind. Perlen vor die Säue, um es mal ganz arrogant auszudrücken. Das gilt genauso für Bilder mit professionellem Anspruch, die man dem Facebook-Mainstream vorsetzt.

Und dann sind da zu allem Überfluss auch noch die anderen Fotografen.

Fotografie gegen die anderen

Also diejenigen, die tatsächlich etwas können. Zumindest ein bisschen. Die, mit denen man sich vergleicht. Und über deren Aktivitäten man dank Facebook & Co ständig aktuell informiert ist.

OK, ich will fair sein: Die Mehrheit von ihnen ist harmlos. Sie zeigen hin und wieder Bilder, die man sich gern anschaut, und verhalten sich ansonsten ganz unauffällig. Aber dann gibt es die Ehrgeizigen. Die Erfolgreichen. Das sind die, die auffallen. Und zu denen ich – Schande über mich – auch mal gehören wollte.

Diese haben mich gelehrt, dass man vor allem zwei Dinge braucht, um ein erfolgreicher (Natur-/Landschafts-)Fotograf zu werden: Geld und die Fähigkeit zur Selbstvermarktung. Ersteres ist wichtig für die Reisen zu den obligatorischen Blockbustermotiven, vor allem in den USA. Antelope Canyon und Mesa Arch z. B. muss jeder in seinem Portfolio haben. Denn das wollen die Leute sehen, immer und immer wieder. Und Island. Kirkjufell, Seljalandsfoss und die ganzen anderen unaussprechlichen Standardmotive. Und wer Island erledigt hat, nimmt sich die Lofoten vor. Zwischendurch darf es auch mal das Matterhorn sein, gespiegelt im Riffel- oder Stellisee. Hin- und Rückfahrt von Zermatt auf den Berg: nur 74 Franken.

Blockbustermotiv zweiter Ordnung
Und wenn es ausnahmsweise selbst fürs Matterhorn nicht reicht, dann tun es auch die Windbuchen am Schauinsland.

Wichtig ist auch, seine Statussymbole herzuzeigen. Neben den neu erworbenen Profi-Objektiven sind das vor allem Veröffentlichungen und Wettbewerbserfolge. Toll. Was ist ein Erfolg bei einem großen Wettbewerb noch wert, wenn da selbst so ein Unfall einen ersten Preis gewinnen kann? OK, meistens gibt es Geld zu gewinnen, mit dem man sich seine nächste Fotoreise nach Neuseeland finanzieren kann. Oder zumindest nach Köln zur Photokina, per Lufthansa-Inlandsflug (was sonst, als umweltbewusster Naturfotograf), was natürlich auch bei Facebook breitgetreten werden muss.

Versteht mich nicht falsch: Ich gönne euch eure Freude. Freude darf man gerne mit anderen teilen. Was mich nervt, ist Angeberei. Übertriebene Selbstdarstellung. Und diese scheint leider das wichtigste Erfolgsrezept zu sein, wenn man als Fotograf bekannt werden will.

Nein, danke. Diesen Markt dürfen die anderen unter sich aufteilen. Ich bin raus.

Und jetzt?

Jetzt steht erst mal ein Umzug an. Zurück in die alte Heimat, die landschaftlich eher unspektakuläre Ulmer Alb. Zeit für einen Neuanfang. Ich habe mich lange genug mit Ersatzbeschäftigungen abgelenkt. Musik machen. Schräge Gedichte verfassen (mit mehr Erfolg auf Facebook als das letzte Engadin-Fotoalbum). Oder noch krasser: Menschen fotografieren. 🙂

People-Fotografie, kläglicher Versuch
Aus people-fotografischer Sicht habe ich vermutlich alles falsch gemacht. Schatten im Gesicht, viel zu viel Landschaft, und dann lächelt das Model auch noch. Aber dafür hat es Spaß gemacht. Es macht Spaß, alles falsch machen zu dürfen, weil es niemandem gefallen muss.

Ab Oktober also wieder neue Landschaftsfotos. Die kaum jemanden interessieren werden, weil keiner die Motive kennt. Und das ist gerade gut so. Weg von der erfolgsorientierten, gewerblichen Fotografie. Zurück zur Freiheit.

Ich bleibe dabei: Jeder kann ein guter Landschaftsfotograf werden, der das wirklich will. Aber nicht jeder kann damit Erfolg haben. Um es mit Volker Pispers zu sagen: „Jeder kann es schaffen im Kapitalismus. Aber nicht alle.“

Für alle, die es geschafft haben (oder gerade dabei sind) zum Abschluss kein Foto, sondern ein Lied (nicht von mir, aber passt irgendwie ganz gut). Viel Spaß. 😛

Ich gehe jetzt erst mal fotografieren.


Kommentare

Ich geb’s auf. — 8 Kommentare

  1. Hallo Michael (Namenskollege)!

    Du sprichst mir mit Deinen Beitrag voll und ganz aus der Seele. Ich hab selbst gedacht, dass ich mit all den „erfolgreichen“ Fotografen mithalten kann. Doch was ist passiert. Ich wurde immer verbissener und hab meine kostbare Zeit damit verbracht, Likes und Kommentare auf Facebook und Co zu sammeln. Plötzlich war ich nur noch frustriert, dass ich irgendwann meine Kamera ins Eck geschmissen habe. Mit der Zeit ist die Lust am fotografieren allerdings wieder zurückgekommen und mittlerweile bedeutet fotografieren für mich Entspannung und Freude für mich. Ja… mir ist es jetzt egal, ob ich für ein Bild viele Likes und Klicks erhalte. Es ist mir egal ob ich ein Bild verkaufe. Für mich steht nur noch der Spass am fotografieren im Vordergrund und nicht der Erfolg. Natürlich bin ich keiner, der seine Schätze auf der Festplatte sammelt. Klaro veröffentliche ich meine Bilder… aber ohne Erwartungshaltung. Und damit geht’s mir besser!

    Gruß aus Garmisch-Partenkirchen
    Michi

  2. Spannend zu lesen.. ich bin eigentlich immer wieder mal auf deine Seiten zurückgekehrt um ein bisschen zu lesen und zu schauen was deine Fotografie so treibt. Ich weiß gar nicht mehr wo ich zum ersten mal über deine Bilder gestolpert bin vor vielen Jahren.. aber ich fand sie immer ansprechend.

    Meine Landschaftsfotografie ist vermutlich ein bisschen anders als deine – vielleicht auch von der Sorte die du kritisch betrachtest. Aber dennoch kann ich dich nur motivieren, nicht dein Thema – die deutschen Mittelgebirge – aufzugeben. Ich denke man hat wenn man sich damit befasst (für mich Bayerischer Wald, Oberpfälzer Wald, Rheinland) den Vorteil, auf die bestmöglichen Wetter- und Lichtbedingungen reagieren zu können.

    Hoffentlich gibt es auch weiterhin noch das ein oder andere Foto von dir zu sehen, mit den besten Grüßen,

    Kilian

  3. Hallo Michael,

    schade, das zu lesen. ich habe von fotografie überhaupt keine ahnung, fotografiere nichtmal selbst, bin aber selbst wie du von der alb in den schwarzwald bzw südbaden gezogen und liebe die natur und die jahreszeiten, weswegen ich deine bilder einfach mag und gerne anschaue, um jahreszeiten „nachzuschwelgen“. Wenn du ab jetzt bilder von der alb hochlädst, hast du mich aber weiterhin als besucher auf deiner wirklich gelungenen seite. viel erfolg bei was auch immer in der neuen alten heimat!

    karin

  4. Hallo Michael,

    ich habe deinen Artikel mit einem Grinsen und mit Wehmut gelesen. Kann Dich aber voll und ganz verstehen. Ich möchte mich nun auch als treuer Besucher deiner Website outen. Ich habe einiges von Dir gelernt, ohne Dir jemals DANKE gesagt zu haben. Vielen Dank für deine Leidenschaft, für deine Aufnahmen, für deine ehrlichen Worten und danke für deine vielen Tipps und Informationen. Dem oben genannten Leistungsdruck setzte ich mich schon lange nicht mehr aus. Ich habe meine Homepage und werde von eine kleinen Agentur vertreten. Und ganz wichtig, ich fotografiere nur DAS was mir Freude bereitet. Ich habe einen Beruf und die Fotografie soll in erster Linie mir Freude bereiten, der Entspannung dienen und dem Aufenthalt in der Natur. Alles andere ist zweitrangig. Ich finde das Du ein sehr guter Fotograf bist. Bildgestaltung und Bildaufbau sind immer sehr gut durchdacht. Im Gegensatz zu anderen Fotografen, gelingt es Dir aber immer die Stimmung und den erlebten Moment einzufangen und dem Betrachter dies fühlen zu lassen. Ich wünsche Dir einen guten Start in Deiner neuen Heimat und freue mich auf mehr Bilder von Dir.

    Ganz liebe Grüße
    Martina

  5. Auch super geschrieben. Deine Artikel lassen sich wirklich sehr gut lesen. Und es steckt viel Wahres drin. Ich liebe meine Kamera und ich weiss ich steh noch ganz weit unten auf der Leiter. Um sagen zu koennen ich kann was ist es noch viel zu frueh. Doch die Leidenschaft ist geweckt, auch durch die Landschaft, in der ich leben darf, weil sich hinter ziemlich jeder Kurve oder dem naechsten Huegel ein Ahhhh oder auch ein Ohhhhh versteckt. Ohne das, waere ich wohl nie auf die Idee gekommen mehr aus meinem spontanen Geknipse machen zu wollen. Und Facebook hin oder her – es ist doch interessant zu sehen auf was die Leute so abfahren. Und damit es mir nicht langweilig wird immer die gleichen Motive zu fotografieren, hab ich mir im letzten Jahr eine Christallkugel zugelegt.Ist interessant, die Dinge mal etwas anders zu sehen. Und weil ich recht wenig im Internet darueber fand hab ich auf FB kurzerhand eine Gruppe gegruendet. Bin mal gespannt wie sich das noch weiterentwickelt. Schau doch mal vorbei, wenn das was fuer dich ist 🙂 https://www.facebook.com/groups/1450270878551291/?fref=ts
    LG, Ranuncula

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