Fotos zeigen nicht die Realität.

Das ist doch viel zu stark bearbeitet, das hat doch nichts mehr mit der Realität zu tun. Mit Photoshop kann ja jeder schöne Bilder machen.
Solche Aussagen muss jeder ambitionierte Fotograf regelmäßig über sich ergehen lassen. Dass auch ihre eigenen Bilder nicht die Realität zeigen, das ist den Bearbeitungskritikern dabei meist nicht bewusst. Fotos zeigen nie die Realität. Sie können es gar nicht, aus verschiedenen Gründen, wobei die Bearbeitung nur eine Nebenrolle spielt.

Was unterscheidet also Fotos von der Wirklichkeit? Fangen wir mal mit dem Offensichtlichsten an:

Bildausschnitt.


Die Bäume unten sind alle in der Mitte durchgeschnitten, haben keine Stämme und hängen in der Luft. Gibt es sowas etwa in der Realität?


Hier haben die Bäume Stämme. Aber dafür sind sie oben abgeschnitten. Und der Himmel fehlt. Soweit ich mich erinnern kann, war der aber in Wirklichkeit vorhanden.

Fotos sind rechteckig und auf allen vier Seiten abgeschnitten. Die Realität ist nicht rechteckig. Also zeigen Fotos nie die Realität. Damit ist das Thema ja erledigt.

Wie, ich mache es mir zu einfach? Fotos zeigen halt nur einen Teil, einen Ausschnitt der Realität?
Das wollen wir doch mal überprüfen. Kommen wir zu den nächsten Punkten:

Brennweite.


Die Alpen waren in Wirklichkeit über 100 km entfernt. Auf dem Bild sieht es so aus, als wären sie zum Greifen nah. Völlig unrealistisch. Teleobjektive verfälschen also die Realität, man sollte sie besser nicht benutzen.


Die Spiegelung ist total verzerrt, und die Bäume an den Bildrändern stehen schief. Das war in Wirklichkeit nicht so. Das Weitwinkelobjektiv ist schuld. Also sollte man auch keine Weitwinkelobjektive einsetzen, wenn man die Realität abbilden will.
Oder doch, eine Lösung gibt es: Den Horizont in die Bildmitte legen. Dann gibt es keine Verzerrungen. Überhaupt, wer hat sich eigentlich den Blödsinn mit dem goldenen Schnitt und der Drittelteilung ausgedacht? Das ist doch alles unrealistisch. In Wirklichkeit befindet sich der Horizont schließlich genau in der Mitte zwischen dem Boden und dem Himmel. Alles andere ist eine Manipulation der realen Verhältnisse.

Schärfentiefe.


Die Landschaft im Hintergrund ist ganz verschwommen. In Wirklichkeit habe ich sie aber scharf gesehen.


Und hier ist das Gras im Vordergrund verschwommen. Das sah eigentlich auch nicht so aus.

Wir sehen also: Wenn auf dem Bild weit entfernte Objekte zu sehen sind, aber gleichzeitig auch solche, die sehr nahe sind, dann ergibt das immer unrealistische Bilder. Zum Glück gibt es eine Möglichkeit, dieses Problem einigermaßen zu vermeiden: Immer mit möglichst geschlossener Blende fotografieren. Je kleiner die Blende, desto größer ist der Schärfebereich. Wer also realistische Bilder machen will, sollte die Blendenzahlen unter 16 möglichst meiden.
Leider tritt dabei wiederum ein Problem auf: Je kleiner die Blende, desto länger muss man belichten. Da kann man also leicht verwackeln, und dann ist das ganze Bild unscharf und entspricht damit erst recht nicht der Realität. Wie schade.

Damit wären wir auch schon beim nächsten Punkt...

Belichtungszeit.


Hat schon mal jemand solche Wolken gesehen? Ich nicht. Obwohl ich das Bild selbst fotografiert habe. Mit einer Minute Belichtungszeit. So lange Belichtungen zeigen also eindeutig nicht die Realität.
Wie lange darf man ein Bild also höchstens belichten, damit es als realistische Momentaufnahme durchgeht? Wenn man davon ausgeht, dass das menschliche Gehirn etwa 16 Bilder in der Sekunde verarbeiten kann, dann dürfte eine realistische Belichtungszeit höchstens 1/16 Sekunde betragen. Bei Nacht fotografieren wird unter diesen Voraussetzungen leider nahezu unmöglich. Außer wenn man die ISO-Empfindlichkeit extrem erhöht. Dann rauscht das Bild allerdings ziemlich brutal, und in der Realität sieht man kein Bildrauschen. Also generell keine Nachtaufnahmen mehr machen. Schade drum.

Weißabgleich.


Wir alle wissen: Schnee ist weiß. Und wenn wir durch eine Landschaft wie auf diesem Bild spazieren, dann nehmen wir den Schnee als weiß wahr. Wenn wir das Bild betrachten, sieht der Schnee aber im Schatten so aus und im Sonnenlicht so. Blau und gelb. Weiß ist eben nicht gleich Weiß, auch wenn unser Gehirn uns das gerne weismachen würde.
Woher soll die Kamera nun wissen, welche Farbe wir gerade als Weiß wahrnehmen? Wir können sie vor der Aufnahme entsprechend einstellen, oder wir lassen sie einfach raten. Sie wird es aber in beiden Fällen unmöglich hundertprozentig so treffen, dass jeder Bildbetrachter die Farben exakt so sieht, wie er sie in Wirklichkeit wahrgenommen hätte.

Fällt Ihnen was auf? Schon einige Punkte wurden bisher angesprochen, die ganz klar zeigen, dass Fotos nicht in der Lage sind, die Realität abzubilden. Und keiner dieser Punkte hatte etwas mit Bildbearbeitung  bzw. Bildmanipulation zu tun. Eigentlich ist es fast überflüssig, diese noch anzusprechen, aber wir wollen uns nun trotzdem langsam diesem unbedeutenden, nebensächlichen Thema nähern.

Kontrastumfang.


Also ich finde ja, dieses Bild kommt dem schon recht nahe, was ich selbst gesehen habe. Meine Kamera dagegen hat das ganz anders gesehen...


So kam das Bild ohne Grauverlauf aus der Kamera. Eine Kamera kann einfach keinen so großen Kontrastumfang verarbeiten wie das menschliche Gehirn, und damit entsprechen Bilder, die direkt aus der Kamera kommen, in der Regel nicht der menschlichen Wahrnehmung.

Bei dem oberen Bild habe ich den Grauverlauf nachträglich digital simuliert, aber ein "analoger" Grauverlaufsfilter, den man vor die Kamera schraubt, hätte ein ähnliches Bild geliefert. Das könnte man dann auch als Bildmanipulation bezeichnen, und das ganz ohne Nachbearbeitung. Nun seien Sie mal ehrlich: welches Bild finden Sie realistischer, das "originale" (unten) oder das "manipulierte" (oben)?

Kommen wir nun also dem Thema, mit dem Freizeitknipser beim Betrachten der Bilder von ambitionierten Fotografen in der Regel am meisten Probleme haben:

Bildbearbeitung.

Da hört man oft den Spruch "Bildbearbeitung ist Betrug. Nur unbearbeitete Bilder sind echt." (sinngemäß zitiert). Und das ist völliger Schwachsinn! Es gibt keine unbearbeiteten Digitalbilder - zumindest keine, die man anschauen kann.

Digitalkameras erfassen bei einer Aufnahme viel mehr, als die meisten denken. Sie nehmen erst einmal die Rohdaten eines Bildes auf, und in diesen steckt sehr viel mehr drin, als hinterher als Bild herauskommt. Um aus diesen Rohdaten ein JPG-Bild zu machen, das man am Computer betrachten kann, legt die Kamera den Weißabgleich (siehe oben), die Sättigung und den Kontrast fest, verarbeitet die Rohdaten nach diesen Vorgaben und speichert das Ergebnis dann als JPG-Bild. Dabei geht ein erheblicher Teil der Rohdaten verloren. Die Kamera bearbeitet das Bild also schon selbst, damit man es überhaupt anschauen kann.
Hochwertige Kameras bieten die Möglichkeit, Bilder als Rohdaten (im Raw-Format) zu speichern und die Entwicklung dieser Rohdaten selbst zu übernehmen. Hier ein Vergleich, wie es aussehen kann, wenn man ein Rohbild mit verschiedenen Einstellungen entwickelt:


Alle Einstellungen auf Null

Standardeinstellungen

Individuelle Einstellungen

Wenn man überhaupt eins dieser Bilder als nahezu unbearbeitet bezeichnen kann, dann ist es das linke. Das mittlere Bild entspricht dem, was normalerweise aus der Kamera kommt - wie man sieht, weicht es schon deutlich vom "unbearbeiteten" Zustand ab. Allerdings entspricht auch diese Version nicht meiner Erinnerung, ich finde die Farben viel zu kalt. Deshalb habe ich einen deutlich wärmeren Weißabgleich gewählt und die Farben etwas mehr gesättigt, wie man am rechten Bild sieht. Wer nur das rechte Bild zu sehen bekommt, wird wahrscheinlich nicht daran zweifeln, dass es dort tatsächlich so ausgesehen hat - es erscheint für sich allein betrachtet realistisch. Wer nun aufgrund des Vergleichs zu den "unbearbeiteten" Versionen an der Glaubwürdigkeit meiner Bearbeitung zweifelt, dem empfehle ich, selbst einmal in den Abendstunden eine Wanderung auf dem Feldbergsteig (sowieso sehr zu empfehlen) zu unternehmen und sich diese Stelle real anzuschauen.

Noch eine Nebenbemerkung: Kompaktkameras bearbeiten die Bilder intern meist stärker als hochwertige digitale Spiegelreflexkameras - das liegt an den unterschiedlichen Zielgruppen dieser Kameratypen. Kompaktkameras sind eher für Leute gedacht, die knipsen und keine Arbeit in die Nachbearbeitung stecken wollen. DSLRs dagegen sind für Fotografen ausgelegt, die hohe Ansprüche an ihre eigenen Bilder haben und für die es deshalb selbstverständlich ist, die Bearbeitung selbst zu machen. Deshalb wundert sich auch so mancher Kompaktkamerabesitzer, der sich seine erste DSLR anschafft, über die vermeintlich "schlechteren" Bilder, die seine teure neue Errungenschaft liefert.

Zusammenfassung.

Fotos zeigen also nicht die Realität - was dann?

Ein Foto zeigt die individuelle Interpretation eines kleinen Ausschnitts der Realität in der persönlichen Wahrnehmung des Fotografen. Oder anders ausgedrückt: eine von unendlich vielen Möglichkeiten, wie man ein Motiv oder einen Moment sehen kann. Diese persönliche Sicht ergibt sich aus der Wahl des Aufnahmestandorts, des Bildausschnitts, der Brennweite, der Schärfentiefe, der Belichtungszeit, dem eventuellen Einsatz von Filtern oder anderen Effekten vor der Aufnahme und schließlich der Bildbearbeitung. Ein guter Fotograf macht sich über jeden dieser Punkte - einschließlich Bearbeitung - seine Gedanken, bevor er auf den Auslöser drückt. Die Bearbeitung ist nur eins von vielen Gestaltungsmitteln, mit denen der Fotograf seine persönliche Sicht zeigt. Aber sie ist genauso ein unverzichtbarer Bestandteil eines guten Bildes wie all die Dinge, die man als Fotograf schon vor der Aufnahme zu beachten hat.

Damit man mich nicht falsch versteht: ich möchte an dieser Stelle nicht Farb-Kitsch-Verlaufsfilter, HDR-Totmapping oder andere augenkrebsverursachende Grausamkeiten verteidigen. Zwischen künstlerischem Ausdruck und Experimenten nur um des Effekts willen besteht ein großer Unterschied. Trotzdem kann man die Grenze zwischen beidem nicht eindeutig definieren, sie hängt von der persönlichen Sicht des Betrachters ab. Aber meist kann man doch erkennen, ob sich der Fotograf schon vor der Aufnahme Gedanken über die Bildgestaltung gemacht hat oder ob er einfach nur abgedrückt und dann hinterher versucht hat, seinen Schnappschuss durch extreme Nachbearbeitung aufzupeppen.

Zum Abschluss noch zwei Bilder, die ganz bewusst nicht realitätsnah gestaltet sind. Beide Bilder wurden nur wenig nachbearbeitet, die Effekte sind direkt vor Ort schon bei der Aufnahme entstanden.


Dieses Bild entstand in der Morgendämmerung und wurde absichtlich deutlich überbelichtet.


Belichtungszeit dieses Bildes: etwa eineinhalb Minuten. In den ersten 30 Sekunden habe ich die Fahrradlampe geschwenkt, um die Hütte gleichmäßig auszuleuchten, und anschließend ohne Beleuchtung noch eine Minute weiter belichtet, damit die ziehenden Wolken sichtbar wurden.